Saatgut trägt Lebenskräfte weiter
Saatgut standortangepasster Pflanzen ist Ausgangspunkt für die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft pflegt es als ein Kulturgut, das die Pflanzenwürde respektiert. Jede Form von Gentechnik lehnt Demeter konsequent ab.

Saatgut ist der Ausgangspunkt der Lebensmittelerzeugung. Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Nahrung. Wer das Saatgut manipuliert, manipuliert das Fundament des Lebens, das auf die Fruchtbarkeit der Mutter Erde zurückgeht. Je mehr der Saatguthandel monopolisiert wird und je weiter die Pflanzenzüchtung in die Pflanzenwürde eingreift, desto mehr werden die Lebenskräfte unserer Nahrungsmittel aufs Spiel gesetzt. Deshalb lehnt Demeter jede Form von Gentechnik – auch gentechniknahe CMS-Hybriden – konsequent ab.
Eine Art Erinnerung
In der biologisch-dynamischen Landwirtschaft wird Saatgut als Kulturgut und Träger von Lebenskräften angesehen. Damit ist es weit mehr als ein Betriebsmittel, dessen Eigenschaften nur durch das Erbgut im Zellkern bestimmt werden. Saatgut trägt eine Art Erinnerung der Pflanzen, von denen es abstammt, in die nächsten Generationen weiter. Darum sind der Standort und die Anbauweise für die Züchtung und Vermehrung von grosser Bedeutung.
Züchtung unter freiem Himmel
Diese Grundsätze haben biologisch-dynamische Pflanzenzüchter*innen verinnerlicht. Sie züchten standortangepasste Sorten, die mit niedrigen Düngergaben stabile Erträge bringen und auf die Bedingungen auf Demeter-Betrieben bestens vorbereitet sind. Die Selektion findet auf dem Feld und unter freiem Himmel statt, damit die Pflanzen mit den Elementen interagieren können. Bei diesen Sorten gewichten die Züchterinnen Geschmack, Vitalität, Ernährungsqualität und die Wirkung auf den menschlichen Organismus höher als die Ertragsmenge.
Konzession an den Markt
Im Demeter-Anbau kommen nebst biologisch-dynamisch gezüchteten Sorten auch konventionelle Sorten und F1-Hybridsorten (siehe unten) zum Einsatz, welche höhere Erträge und eine einheitlichere äussere Qualität erbringen. F1-Hybriden sind, mit Ausnahme von Getreide, in den Demeter-Anbaurichtlinien zugelassen, im Sinne einer Konzession an die Anforderungen des Marktes.
Samenfest vs. Hybriden
Innerhalb der Demeter-Bewegung findet eine kontroverse Debatte darüber statt, wie weit der Mensch durch Züchtung in die Integrität der Pflanzen eingreifen darf und welche Sorten im biologisch-dynamischen Anbau erlaubt sein sollen. Die Geister scheiden sich an der Bruchlinie zwischen samenfesten Sorten, die ihre Eigenschaften an die nächste Pflanzengeneration weitergeben und F1-Hybriden, deren Nachkommen kein einheitliches Sortenbild zeigen (siehe unten).
Einige Demeter-Höfe züchten und vermehren ihr Saatgut selbst und bringen eigene Hofsorten hervor. Dies ist sehr aufwändig, weshalb die meisten Höfe Saatgut zukaufen, das von spezialisierten Höfen biologisch oder biologisch-dynamisch vermehrt worden war. Wenn solches Saatgut nicht erhältlich ist, lassen die Demeter-Richtlinien unter bestimmten Bedingungen auch konventionelles Saatgut zu, sofern es nicht mit chemisch-synthetischen Pestiziden behandelt wurde.
Saatgut soll Gemeingut sein
Ein wichtiges Anliegen ist der biologisch-dynamischen Landwirtschaft die Saatgut-Souveränität. Saatgut soll ein Gemeingut sein, das den Menschen dient und die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel auch für künftige Generationen ermöglicht. Darum sollen die Landwirt*innen möglichst unabhängig bleiben von grossen Saatgutkonzernen und deren Gewinnmaximierung.
Pflanzenzüchtungsmethoden
Aktuell sind in der biologisch-dynamischen Pflanzenzüchtung die Auslesezüchtung und die Kreuzungszüchtung zugelassen. Im biologisch-dynamischen Anbau sind zudem F1-Hybriden erlaubt (ausser bei Getreide). CMS-Hybriden und die gentechnischen Verfahren sind verboten.
- Auslesezüchtung oder Selektion: natürlichste Form der Züchtung. Züchter*in wählt die schönsten, stärksten oder schmackhaftesten Pflanzen auf dem Feld aus und erntet ihre Samen. Die Pflanze behält ihre volle Souveränität und bleibt samenfest.
- Kreuzungszüchtung: moderater Eingriff. Züchter*in bestäubt (kreuzt) zwei Pflanzen mit unterschiedlichen guten Eigenschaften gezielt miteinander. Könnte theoretisch auch in der Natur durch Wind oder Bienen stattfinden. Die Pflanze bleibt samenfest.
- F1-Hybride: starker Eingriff. Züchter*in gewinnt durch Inzucht extrem reinerbige Elternlinien und kreuzt diese miteinander. Die erste Generation (F1) ist sehr leistungsstark, aber die darauffolgende Generation (F2) spaltet sich auf. Die Pflanze verliert die Fähigkeit, ihre Eigenschaften stabil an Nachkommen weiterzugeben. Sie verliert die Samenfestigkeit.
- CMS-Hybride durch Zellfusion: massiver Eingriff. Im Labor werden Zellen verschiedener Arten (z. B. Sonnenblume und Rettich) verschmolzen, um eine männliche Unfruchtbarkeit zu erzwingen, was die Hybrid-Produktion stark erleichtert. Die Artgrenze wird im Labor durchbrochen. Die Pflanze wird technisch manipuliert, damit sie ihre Fortpflanzungskraft verliert.
- Klassische Gentechnik oder Transgenese: gewaltiger Eingriff. Artfremde Gene (z. B. von Bakterien) werden in das Erbgut der Pflanze eingeschleust, um sie etwa resistent gegen Spritzmittel zu machen. Die Pflanze wird zum biologischen Baukasten degradiert. Ihre Identität als Lebewesen wird zugunsten einer technischen Funktion aufgegeben.
- «Neue Gentechnik», CRISPR/Cas – Genschere: die höchste Stufe des Eingriffs. Das Erbgut wird an ganz spezifischen Stellen aufgeschnitten, um Gene auszuschalten oder zu verändern. Dies geschieht direkt in der Zelle. Auch wenn keine artfremden Gene eingefügt werden, ist es ein chirurgischer Eingriff in den Bauplan des Lebens und die maximale Missachtung der Pflanzenwürde.